Fundstück 2 / Prolog Hoop

In Fundstück 1 habe ich den ersten Teil des nicht-ins Buch geschaffte Prologs gepostet, hier nun noch Teil 2, Lores Geburt:

Erschöpft lässt Lida den Kopf zurück ins Kissen sinken. Der Schweiß rinnt ihr in Bächen die Stirn herab, quillt unter den Achseln hervor, unter ihren Brüsten und zwischen ihren Beinen, wo er sich mit Blut und Fruchtwasser vermengt. Sie spürt die Feuchtigkeit an ihren Schenkeln und den kalten Wind, den das Gewitter bis in die Räume unaufhaltsam hinein treibt. Von was denn auch, den dürren Maisfeldern hinter dem Gehöft? Lida muss unwillkürlich auflachen.
Mit hoch gezogenen Augenbrauen betrachtet Maris ihre Schwiegertochter.
Lida verschließt den Anflug von Heiterkeit hinter ihren Lidern, kann sich aber einem Hauch des Glücks nicht erwehren. Sie hat ihren Soll erfüllt. Jede Frau im Land weiß von Geburt an, was ihre Aufgabe ist: Den Nachfolger gebären. Den Beschützer von Hof und Feld. Den Ausweg aus der Kleinfamilie.
Und heute hat Lida ihre Aufgabe endlich bestanden. Leidlich oft musste sie Harold über sich ergehen lassen. Ein runzeliges kleines Kerlchen, dass seinen ganzen Hass auf das Leben in erbarmungsloser Tyrannei münden lässt. Die gemeinsamen Stunden im Bett bestanden stets aus einer schier endlosen Abfolge von unbeholfenem Befingern, Eindringen, Absabbern, und Schlägen. Lida weiß, dass die Schläge das ablösen, was als Zuneigung missverstanden werden könnte. Umso größer ist ihre Verachtung für ihren Gatten, der es nicht schafft, es bei einem reinen Geschlechtsakt zu lassen. Warum Liebe vorgaukeln wo keine ist? Warum Bestrafung, wenn nichts verraten, nichts verloren ist?
Ein schwacher Mann ist schlechter als gar kein Mann. Diese Worte würde Lida niemals laut äußern, denn dann würde ihr Harold die Zunge heraus schneiden. Doch in ihrem Kopf ist Lida frei. Und in dieser Freiheit ist sie finster, hart, und ohne einen Funken des warmen Gefühls für Harold.
Sie lernte ihn kennen, nachdem sie aus den Gebieten weiter östlich fliehen musste, als dort die Felder brannten, die Militärs die Menschen verjagten und ihre Höfe übernahmen. Offenbar gefällt es ihnen dort, denn sie sind nicht weiter als bis Passlien vorgedrungen. Lida und ihre Schwestern waren mit die Letzten, die den väterlichen Hof verließen. Die Mutter war bereits verschollen und der Vater in irgendeinem Lager. Es gab eine einzige Kuh, dem Heiligtum der Familie und der Grund, dass alle Nachkömmlinge die ersten drei Jahre überlebten. Die Kuh hatte keinen Namen, war alt, aber sie gab noch Milch. Zu Schade um sie den Militärs zu überlassen, deswegen schnitt Lida ihr die Kehle durch und zerlegte sie fein säuberlich mit ihren Schwestern. Sie nahmen mit, was sie tragen konnten. Den Rest verschenkten sie an Kinder. Kein Akt der Nächstenliebe, sondern die Absicherung, das keiner der Militärs auch nur ein Haar von der Kuh abbekam.
Schließlich landete Lida in hier in der Nähe von Graanz, nachdem sie auf der Flucht ihre Schwestern aus den Augen verlor. Sie musste sich einer Familie anschliessen und hatte glücklicherweise ihren zwanzigsten Geburtstag bereits hinter sich. Das kleine Kerlchen mit den krummen Beinen drängte sich ihr auf, und es war weder die Zeit noch die Kraft da, sich mit einer intensiveren Suche zu beschäftigen. Harold war mit seiner Mutter alleine, noch nicht einmal eine Kleinfamilie. Hätte er Lida nicht gefunden, vermutlich wäre erschon vernichtet. Nicht, dass das in irgendeiner Dankbarkeit münden würde. Er bewahrt Lida vor dem Tod, und sie ihn. So einfach ist das.
Die Kerze im Fenster knistert und holt Lida zurück in die Gegenwart. Maris Schatten gleitet von ihrer linker Bettseite zur Holztür, vor Harold im Widerschein der Dielenlampe steht und zu seiner Frau blickt. Maris raunt etwas in sein Ohr. Ohne eine sichtbare Regung dreht sich Harold um und verschwindet wieder. Lida tastet mit einer Hand nach dem feuchten Handtuch, dass Maris achtlos auf einen Stuhl neben dem Bett geworfen hat. Sie beginnt sich das Blut und den Schweiß ab zu reiben, so gut es geht. Maris hält ihr stumm einen trockenen Leinenstoff am ausgestreckte Arm entgegen, den Lida ihr abnimmt um sich notdürftig zu reinigen. Maris macht keine Anstalten weg zu gehen, oder woanders hin zu sehen. Unverwandt betrachtet sie die junge Frau dabei, wie sie sich säubert. Dabei bleibt ihr runzeliges Gesicht ausdruckslos, aber ihre Augen huschen wach über den malträtierten Körper, der gerade erst entbunden hat. Lida faltet das Tuch, reicht es ihr und schlägt die abgewetzte Bettdecke über sich.
»Bring mir das Kind!«
Maris wendet sich ab, schlurft zu einem Bettchen aus dem sie ein Bündel hebt und trägt dies zu Lida. Überraschend sanft legt sie es ihr auf den Schoß. Aufmerksam betrachtet die junge Mutter das Neugeborene. Auf dem Kopf ein dunkelbrauner Haarflaum, weich wie Kükenfedern. Das Gesicht rosig und glatt, die Ärmchen kräftig.
Lida tastet dem friedlich schafendem Baby das Gesichtchen ab. Ihre Finger gleiten vom Kopf über den Rumpf, flechten die Tuchlagen, in die es gewickelt ist, auseinander und entblößen das Neugeborene.
Lidas Gesichtszüge gefrieren. Entsetzt blickt sie auf zwei rot geschwollene Hautwülste, die zwischen den Beinen des Babys liegen. Bleich wendet sie sich Maris zu.

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